Energiewende

am anderen Ende der Welt?

Energiewende ist nicht gleich Energiewende. Einige Länder verfügen über ausreichend erneuerbare Energieressourcen und werden somit bereits als „grün“ angesehen, während andere Staaten auf ihrem langen Weg eine Vielzahl von Herausforderungen meistern müssen. Energiewende bedeutet von- und miteinander zu lernen, um ein zukunftsfähiges Energiesystem zu erhalten.

Neuseeland ist bekannt dafür, über 70 Prozent des gesamten Strombedarfs durch erneuerbare Energien zu decken. In Deutschland sind es etwa 25 Prozent. Sind wir also nicht die führende Nation in der Energiewende? Ist der Zwei-Insel-Staat am anderen Ende der Welt also schon deutlich weiter als wir? …Nein!

Von der Natur begünstigt…

Also doch keine Energiewende in Neuseeland? Richtig. Denn Neuseeland hat eine Energiewende von fossilen zu regenerativen Kraftwerken, wie wir sie hier erleben, nicht nötig. Das Land hat von Beginn an die Naturgegebenheiten genutzt und versorgt sich größtenteils mit Strom aus Wasserkraft und Geothermie. Die Südinsel bietet entlang der Gebirge mit großen Mengen an Regen und Schnee ein enormes Potenzial für Wasserkraft und trägt somit mit über 50 Prozent zur Stromerzeugung bei. Die Nordinsel Neuseelands hingegen profitiert aufgrund des pazifischen Vulkangürtels von der Geothermie. Neuseeland war damit in den 1950er Jahren einer der weltweit ersten Staaten, der im großen Rahmen Geothermie zur Stromerzeugung nutzbar machte. Heute beträgt der Anteil an der Stromerzeugung aus Geothermie etwa 14 Prozent und wird voraussichtlich weiter zunehmen. Die die Inseln umgebenden Ozeane sorgen zudem für sehr gute Windverhältnisse. Die Windenergie gewinnt seit einigen Jahren zunehmend an Bedeutung, so dass mittlerweile 5 Prozent der neuseeländischen Stromerzeugung durch Onshore-Windenergieanlagen gedeckt wird. Die Tendenz hierfür ist stark steigend.

…auch in Europa

Solch optimale Voraussetzungen finden wir jedoch nicht nur am anderen Ende der Welt, sondern auch in Teilen Europas: Norwegen weist mit 13 Einwohnern pro Quadratkilometer eine vergleichbare Bevölkerungsdichte wie Neuseeland auf und deckt nahezu den gesamten Strombedarf durch heimische Wasserkraftwerke. Die Bevölkerung Islands nutzt ebenfalls 100 Prozent regenerativ erzeugten Strom, denn Island profitiert neben der Wasserkraft (71 Prozent des Gesamtstrombedarfs) auch von seiner Vulkanlandschaft und damit der Geothermie (29 Prozent).

Solarenergie bisher vernachlässigbar

Als Deutsche assoziieren wir mit dem Begriff der „Erneuerbaren Energien“ neben Windenergie vor allem auch Solarenergie. Bis dato spielt diese in Neuseeland noch keine große Rolle. Im Gegensatz zu Deutschland mussten und müssen Erzeugungsanlagen von Beginn an den Anspruch haben, wirtschaftlich zu laufen. Staatliche Förderungen gab und gibt es nicht, so dass die Investitionen für PV-Anlagen lange zu hoch waren. Mit sinkenden Preisen und dem Pilot-Programm SunGenie des in Auckland ansässigen Netzbetreibers Vector Ltd. erhält aber auch diese hier bereits stark verbreitete Technologie nun langsam Einzug auf die Dächer der Kiwis – wie sich die Neuseeländer selber nennen.

Idee hinter SunGenie

Das Produkt richtet sich an Privathaushalte. Diese können gegen eine Installationsgebühr und einen fixen monatlichen Betrag ein komplettes PV-Batterie-System – bestehend aus Solarpanels, Steuergerät, Batterie und eine Online-Plattform – leasen und damit ohne hohe Anschaffungskosten selbst erzeugten Strom nutzen, speichern und ins Netz einspeisen.

Dezentrale Hausspeicher als Instrument des Netzbetreibers

Dezentrale Hausspeicher – warum bietet Vector dieses Produkt an? Das ist doch nicht wirtschaftlich. Mag sein, allerdings können sie einen Beitrag zur Netzstabilität leisten, die wie hierzulande durch einen starken Anstieg an dezentralen Einspeisern gefährdet sein kann. Der Netzbetreiber Vector sieht diesen Vorteil und durchläuft dazu das Pilot-Programm des SunGenie. Als Eigentümer des SunGenie-Systems kann er die Batterien ansteuern und programmieren, wobei eine Win-Win-Situation für Kunde und Netz angestrebt wird. Der gesetzliche Rahmen in Deutschland gibt unseren Netzbetreibern hierfür jedoch bisher keine ausreichende Handlungsfreiheit. Ein Hindernis, das grundsätzlich überdacht werden sollte.

Ein Stück Energiewende bitte!

Der Begriff „Energiewende“ wird wohl überall auf der Welt anders verstanden und gelebt. Einige Länder sind von der Natur begünstigt und weisen einen hohen Anteil regenerativ erzeugten Strom auf, ohne über etwaige Systemherausforderungen nachzudenken. Andere Staaten – und dazu zähle ich vor allem Deutschland – schlagen auf ihrem langen Weg der fossilen Energieerzeugung bewusst neue, kaum planbare Wege ein, um den Anteil an erneuerbaren Energien nur ansatzweise in die Richtung der erstgenannten Gruppe zu treiben. Dass diese Staaten bei der Transformation des Energiesystems enorme Herausforderungen meistern müssen, liegt auf der Hand. Doch nur durch das aktive Verfolgen hochgesteckter Ziele wird ein Energiewende-Energiesystem entstehen, das zeitgemäße Lösungsansätze präsentiert und sich nicht auf Altbewährtem ausruht. Wenn das geschafft ist, können wir anderen helfen, auch die letzten 30 Prozent regenerativ zu gestalten.

enera ist der nächste große Schritt in diese Richtung. Lernen und lehren – ein Stück Energiewende bitte.



Quellen:
http://www.med.govt.nz/sectors-industries/energy/pdf-docs-library/energy-strategies/renewable-energy-in-nz.pdf
http://www.eeca.govt.nz/efficient-and-renewable-energy/renewable-energy